Samstag, 11. August 2012
Hoffnung
Wenn schon die Illusionen bei den Menschen
eine so große Macht haben,
dass sie das Leben in Gang halten können –
wie groß ist dann erst die Macht,
die eine begründete Hoffnung hat?
Deshalb ist es keine Schande, zu hoffen,
grenzenlos zu hoffen!

Als sechstes von acht Kindern wurde Dietrich Bonhoeffer kurz vor seiner Zwillingsschwester Sabine am 4. Februar 1906 in Breslau geboren. Der Vater war der Psychiater und Neurologe Karl Bonhoeffer, die Mutter Paula, eine geborene von Hase, war Lehrerin.
Bonhoeffer studiert evangelische Theologie, promoviert 1927 in Berlin und legt 1928 das Erste theologische Examen ab. Das anschließende Vikariat leistet er in Barcelona. 1929/30 ist er Assistent an der Berliner Theologischen Fakultät und vollendet seine Habilitation. Nach einem Studienaufenthalte in USA arbeitet er in Berlin und ist Jugendsekretär des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen. Von 1933 bis 1935 übernimmt er ein Auslandspfarramt in London, unterstützt Flüchtlinge aus Deutschland. Das Ausmaß der menschenverachteten Politik in seiner Heimat wird ihm immer klarer. Und die Reichskirche schweigt, ist sich gar in der „Judenfrage“ mit dem Regime einig.

„Tu deinen Mund auf für die Stummen (Spr. 31/8) – wer weiß denn das heute noch in der Kirche, dass dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?“ schreibt er einem Freund aus London.

Bonhoeffer muss zurück nach Deutschland. Die Nazis haben seine Abberufung gefordert und die Reichskirche bezieht gegen ihn Stellung. Er schließt sich der neu formierten Bekennenden Kirche an, die Christentum und die NS- Rassenideologie als miteinander unvereinbar erklärt und wird von der zum Leiter des Predigerseminars in Finkenwalde berufen, das aber schon wenig später auf Erlass Himmlers geschlossen wird. Bonhoeffer macht im Untergrund weiter, trotz Rede- und Schreibverbot. Die Bekennende Kirche wird verboten.

„Wieso macht die Kirche ihren Mund nicht für die Verfolgten des Naziregimes auf? Warum schweigt sie? Wieso sind die Christen so, wie sie sind, so verstrickt in das Gedankengut ihrer Zeit? Bis heute?“

Seine Lage wird schwieriger. Alle atmen auf, als er 1939 vom Union Theological Seminary erneut in die USA eingeladen wird. Freunde drängten ihn zu emigrieren. Die angepasste Reichskirche war froh, ihn so billig los zu werden. Im Juni zieht er ins Seminar ein, im Juli bereits wieder aus und kehrt mit einem der letzten Schiffe zurück. Hat er Heimweh? Nein! „Seit ich auf dem Schiff bin, hat die innere Entzweiung über die Zukunft aufgehört“, notiert er. Dietrich Bonhoeffer hat sich entschieden. Er wird dem Morden der Terrordiktatur nicht tatenlos zusehen.

Nach seiner Rückkehr stößt er bei seinen Freunden auf Unverständnis: er hat sich verändert. Der Krieg hat längst angefangen, geht weiter. Bonhoeffer arbeitet nicht mehr für die Kirche.
1940 erhält er über seinen Schwager Hans von Dohnanyi Anschluss an den politisch-militärischen Widerstand um Admiral Wilhelm Canaris, der ihn im Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) beschäftigt. Als Verbindungsmann und Kurier knüpft Bonhoeffer mit Hilfe seiner ökumenischen Kontakte Verbindungen zwischen den westlichen Regierungen und dem deutschen Widerstand. Seine Geschwister, Klaus und Christine, Frau von Hans von Dohnanyi, engagieren sich ebenfalls im Widerstand. An der Planung von Hitlerattentaten war er nicht beteiligt.
Unter anderem mit Helmuth von Moltke* unternahm er 1941/42 für die deutsche Spionageabwehr Reisen nach Norwegen, in die Schweiz und nach Schweden. Dort traf er mit George Bell, dem Bischof von Chichester zusammen und übergab ihm geheime Dokumente für die britische Regierung. Damit verbunden war die Bitte um eine öffentliche Erklärung der Alliierten, zwischen Deutschen und Nazis nach Kriegsende zu unterscheiden. Der britische Außenminister Anthony Eden ließ Bell jedoch wissen, dass eine Unterstützung des Widerstands oder auch nur eine Antwort nicht im nationalen Interesse Großbritanniens liege.

Am 13. und 21. März 1943 verübten Angehörige der Gruppe um Canaris, Hans Oster und Klaus Bonhoeffer Sprengstoffanschläge auf Adolf Hitler, die fehlschlugen. Am 5. April wurde Dietrich Bonhoeffer gleichzeitig mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi wegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet. Gerade zwei Monate war er mit Maria von Wedemeyer verlobt. Erst langsam beginnt seine junge Verlobte die Tragweite von Dietrichs Handeln zu ahnen. Er hat geschwiegen, um sie zu schützen. Ihre Liebe blüht gerade aus der Trennung auf und entfaltet sich in wunderbaren Briefen. Zwei Jahre ist er in Berlin inhaftiert. Er findet Menschen im Gefängnis, die ihn unterstützen.
Wer war Unteroffizier Knobloch? Ein Arbeiterkind aus dem Berliner Norden entscheidet sich, Dietrich Bonhoeffer zu helfen. Er ermöglicht, dass Texte und Bücher in die Zelle 92 in Tegel hinein und aus ihr heraus gelangen. Knobloch ist sogar bereit, Bonhoeffer zur Flucht zu verhelfen. Alles ist für den 2. Oktober 1944 vorbereitet. Geld, Lebensmittelkarten und einen Blaumann hat Knobloch für Dietrich besorgt. Doch als am 1. Oktober Dietrichs Bruder Klaus verhaftet wird, gibt der alle Fluchtpläne auf, um die Familie nicht noch mehr zu gefährden. Wenige Tage später wird er in das berüchtigte Gefängnis in die Prinz-Albrecht-Straße überführt.

Anfang 1945 wütet der Volksgerichtshof unter der Widerstandsbewegung. Vorsitz führte der zynische und brutale Roland Freisler. Fast 5000 Menschen werden gefoltert, verurteilt und zum großen Teil ermordet. Dietrich Bonhoeffer wird ins KZ Buchenwald verlegt; während sein Bruder Klaus und Schwager Rüdiger Schleicher zum Tod verurteilt werden. Er betet viel in Buchenwald und er wird erhört - Freisler stirbt bei einem Luftangriff in Berlin. Jetzt wird alles gut. Der Krieg ist bald zu Ende.

Plötzlich werden wichtige Gefangene mit Lastkraftwagen in den Süden Deutschlands verfrachtet. Bonhoeffer ist unter ihnen. Er landet im Bayrischen Wald, 40 Km von Passau entfernt. Es kann nicht mehr lange dauern, bald haben sie es geschafft, haben Angst und Schrecken ein Ende.

In einer Lagebesprechung des Führerhauptquartiers vom 5. April 1945 wurde die Ermordung der Mitglieder der Widerstandsgruppe um Canaris beschlossen. Hans von Dohnanyi muss auf einer Bahre zu seiner Hinrichtungsstätte getragen werden. Er stirbt in Sachsenhausen am gleichen Tag wie Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg. Am 9. April 1945 wird der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer nackt mit einer Klaviersaite erhängt. Mit Bonhoeffer werden an diesem Morgen noch weitere Männer des Widerstandes ermordet: General Hans Oster, Admiral Wilhelm Canaris, Heereschefrichter Karl Sack und Hauptmann Ludwig Gehre- und das alles wenige Tage bevor amerikanische Truppen das Lager erreichen.

„Warum dies Sterben, jetzt, zum Schluss des Krieges?
Das Ende vor dem Ende, statt des Sieges?“ (…)

Durch seine Hinrichtung im KZ Flossenbürg wurde Dietrich Bonhoeffer nicht automatisch zum Märtyrer. Im Gegenteil. Bis weit in die 60er Jahre hinein distanzierte sich die Kirche von diesem beeindruckenden Theologen. Kein Gemeindehaus, keine Kirche wurde nach ihm benannt. Der Grund: Bonhoeffer sei nicht als Christ und Pastor, sondern als politischer Widerstandskämpfer hingerichtet worden. Mit anderen Worten: Morde dieser Art gingen die Kirche nichts an.

Erst viele Jahrzehnte später wird das Todesurteil gegen Bonhoeffer und andere Widerstandskämpfer endgültig für rechtswidrig erklärt: Das Berliner Landgericht rehabilitiert sie 1996. Studenten und Dozenten der evangelischen Fachhochschule Hannover hatten zum 90. Geburtstag Bonhoeffers einen Antrag auf Aufhebung des Urteils gestellt.

* Januar 1945: Richter Roland Freisler verkündet Moltkes Todesurteil wegen Hochverrats. Da ihm keine Beteiligung am Attentat nachgewiesen werden kann, wird ihm vor allem seine christliche Grundhaltung zur Last gelegt. 23. Januar: Helmuth James Graf von Moltke wird in Berlin-Plötzensee durch den Strang hingerichtet
Seine Witwe, Freya Gräfin von Moltke starb Anfang 2010 im Alter von 98 Jahren in ihrer Wahlheimat Vermont.

©Jürgen Zimmer
(Quellen: Bundesgerichtshof, Bundeszentrale für politische Bildung)

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